Radon in Stuttgart

Wenn man auf die Radonkarte des Bundesamts für Strahlenschutz (externer Link zu www.bfs.de) schaut und auf dieser Karte Stuttgart sucht, so sieht das noch einigermaßen ungefährlich aus. Die Farbe ist gelb und die Legende sagt dazu 40-100kBq/m3. Allerdings ist gelb schon die vorletzte Position, darüber gibt es nur noch rot mit > 100Bq/m3. Nun gibt es aber unter dem Portal der Stadt Stuttgart auch noch Messungen, die das Amt für Umweltschutz publiziert hat (externer Link zu www.stuttgart.de). Im Text heißt es beruhigend, Zitat: "Danach liegen die natürlichen Radonkonzentrationen in der Luft der Stuttgarter Böden mehrheitlich in den Kategorien "gering" bis "erhöht". Es gibt hierbei keine Anzeichen für flächenhafte Anomalien mit "hohen" Konzentrationen, aus denen sich weiterer Handlungsbedarf, z. B. im Rahmen der Bauleitplanung oder der allgemeinen Gesundheitsvorsorge, ableitet.", Zitat Ende.

Nachdem in der Stuttgarter Zeitung im Dezember 2013 Berichte von Radon-Belastungen in Wohnungen auftauchten, wo Mieter über hohe Werte in der Größenordnung von 1000Bq/m3 Luft klagten und in einem Expose der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zum Verkauf von Wohnungen auf dem Killesberg von Werten zwischen 66 und 2296 Bq/m3 die Rede war, da war spätestens klar, dass Radon auch in Stuttgart ein Problem sein kann.

Schaut man sich die Karte des Stuttgarter Umweltamts etwas genauer an, dann stellt man fest, dass doch einige gravierend hohe Werte gemessen wurden und zwar genau auf dem Killesberg aber auch in Botnang. Die Werte liegen bei über 200kBq/m3. Solche Werte hat man sonst nur in Gegenden, wo früher auch Uran-Bergbau betrieben wurde oder wo man weiß, dass sie als uranhöffig gelten. Das sind in der Regel Mittelgebirgsregionen wo granitiges Grundgestein offen zu Tage tritt oder aber Gebiete auf uranhaltigem Ton- bzw. Kupferschiefer-Gestein im Osten Deutschlands.

Betrachtet man aber die Lage der Messpunkte, dann erkennt man eine gewisse Systematik. Die Messungen wurden im Stuttgarter Norden und Westen entlang den Hangkanten gemacht. Schaut man sich externer Link zu www.stuttgart.de: die Geologie Stuttgarts näher an, dann fällt auf, dass sich über den Killesberg und durch Botnang eine geologische Schicht aus Schilfsandstein, in der Fachsprache auch "Stuttgarter-Formation" genannt zieht. Darüber kann man noch eine dünne Schicht Stubensandstein erkennen. Von gewissen Sandsteinen wird aber durchaus auch von einem hohen Urangehalt berichtet (z.B. von uranhaltigen-Aktivarkosen). Ausserdem ist Sandstein ein sehr poröses Gestein (im Gegensatz zu Granit), so dass die Diffusion des Radon durch das Gestein viel leichter möglich ist. Hat man es also im Stuttgarter Sandstein doch mit einer Uran-Anomalie zu tun?

Zumindest ist eines klar, Radon (Rn-222) kann nur durch radioaktiven Zerfall aus Uran enstehen (Radium Ra-226 ist ein Zwischenprodukt). Und wenn man schon so eklatant hohe Radonwerte auf dem Killesberg oder in Botnang misst, dann sollte die Stadt das Gestein doch besser auf Uran hin untersuchen. Denn so gering ist die Fläche nicht, die dieses Gestein unter Stuttgarts Boden einnimmt. Und 257kBq/m3 ist ein Wert, den man auch nicht so einfach in Städten nahe der früheren Uranabbaugebiete im Erzgebirge messen kann. Auf jedenfall ist doch eine gewisse Vorsicht geboten.

Die folgende Karte zeigt die ungefähre Lage der Messpunkte mit hohen Radon-Werten des Umweltamts in Relation zu den Schilfsandsteingebieten in der Region Stuttgart (türkis umrahmt). Beides wurde mit Hilfe einer Kartenvermessungssoftware aus den städtischen Karten extrahiert. Darunter sind die Messpunkte und ihre ungefähre Lage gelistet.

In jedem Fall empfiehlt es sich, auch in Stuttgart, die Radonkonzentration mindestens im Keller zu überprüfen. Die Kosten für eine Radon-Messdose liegt etwa bei 30 Euro, das ist angesichts der Folgen einer Lungenkrebserkrankung ein kleiner Vorsorgebeitrag, der gleich allen Hausbewohnern gleichzeitig dient. Angesichts der 1900 Radontoten pro Jahr in Deutschland oder statistisch gesehen 14 in Stuttgart, da könnte Kommissar Bienzle fast auch mal tätig werden und Nachforschungen anstellen. Das gilt nach derzeitigem Stand besonders für Wohnhäuser auf dem Killesberg und in Botnang. Besonders als Mieter sollte man die Radon-Situation klären, denn nach den neuen EU-Richtlinien (EU-Basic-Safety-Standards, verabschieded im Dezember 2013) genießt die Bevölkerung nun einen verbesserten Radon-Schutz und man kann nun ab 300Bq/m3 in der Wohnung vom Vermieter eine Sanierung verlangen.

Wenn man sich aber mit der speziellen Geologie in Stuttgart und Umgebung sowie mit dem Gestein unter Stuttgarts Böden befasst, dann findet man durchaus auch eine plausible Erklärung für das spezielle Radon Problem in Stuttgart.

Hier eine geologische Erklärung dafür, wie das Uran in Stuttgarts beste Hanglagen gekommen sein könnte.

Mehr Information zum Thema Radon und sein Gesundheitsrisiko gibt es auch auf der Webseite des Bundesamts für Strahlenschutz unter dem Stichwort Radon.



Lage der Messtellen in Stuttgart mit erhöhtem Ergebnis und Schilfsandsteingebiete (türkis umrahmt)




Erhöhte Messergebnisse auf dem Killesberg


Erhöhte Messergebnisse in Botnang

Hilfe bei Radonproblemen

Wenn man mit Hilfe einer Kurzzeitmessung mit einer Radon-Messdose in Wohnräumen Werte ermittelt hat, die über 300Bq/m^3 liegen, oder im Keller größer 1000Bq/m^3, dann empfiehlt sich auch eine Langzeitmessung (wenigstens 3 Monate in der Übergangsjahreszeit) mit einem Kernspurdosimeter. Das ist auch eine Einmal-Messdose, aber sie misst etwas genauer über längere Zeit. Dabei sollte eine Dose im Keller und eine Dose in einem Wohnraum (Hauptaufenthalt) plaziert werden. Bestätigt auch diese Messung eine Überschreitung der obigen Werte dann empfiehlt es sich einen Versuch zu machen, eine Reduktion dadurch zu erreichen, dass man das Lüftungsverhalten konsequent ändert.

Man darf sich Radon nicht als Nebel vorstellen, der den Boden entlangkriecht, nur weil das Gas schwerer ist als Luft. Vielmehr ist die Diffusionsrate von Radon so hoch, dass es sich sofort mit der Raumluft intensiv vermischt. Ein Vergleich mit einem Parfüm ist deutlich besser. Daher reduziert ein Stoßlüften für 5 Minuten die Radon-Konzentration fast auf die Außenverhältnisse. Wie schnell sich nun eine neue Radon-Konzentration aufbaut, hängt von der Quellstärke ab. Diese ist aber in aller Regel klein, zumindest wenn der Wohnraum gut gegen den Keller abgedichtet ist und nicht gerade Radon exhalierendes Baumaterial für die Wohnraummauern verwendet wurden. Daher ist meist ein einmaliges Stosslüften pro Raum und Tag völlig ausreichend um eine massive Reduktion zu erreichen. Nur muss man es konsequent tun. Ist man längere Zeit nicht zu Hause, sollte man sich angewöhnen erst mal zu Lüften, wenn man nach Hause kommt.


Luftqualitätsanzeige als USB-Stick (Miefampel)

Man kann sich auch eines kleinen elektronischen Helfers bedienen, umgangssprachlich sagt man dazu "elektronisch Miefampel", offiziell heißt das Gerätchen Luftqualitäts- oder Luftgüteanzeige. Das ist entweder ein kleines Kästchen oder ein USB Stick für ein USB-Netzteil bzw. einen Computer, meist mit grüner, orangener und roter LED. Die Farben zeigen die Luftqualität an. Was hier nach etwas Esoterik aussieht ist aber durchaus ein ernstzunehmendes Messverfahren mit einem Gassensor. Gemessen werden meist die leicht flüchtigen Kohlenwasserstoffe, welche jeder Mensch mit dem Atem etwa proportional zum CO2 abgibt. Diese Gase heißen auch VOC-Gase (volatile organic compounds). Hält man sich daher in einem Raum längere Zeit auf ohne zu lüften, steigt die Gaskonzentration dieser Gase deutlich messbar an. Das wird bereits in vielen Fahrzeugen benutzt um die Außenluftzufuhr abhängig von der Innen- und Aussenluftqualität automatisch zu regulieren und funktioniert auch ziemlich zuverlässig. Man kann nun seine eigene VOC-Quellstärke und das Lüftungsverhalten nutzen (und die seiner Mitbewohner) um mit der Miefampel die VOC-Konzentration anzuzeigen und sie als Indikator für die Radon-Konzentration zu benutzen. Was man beispielsweise deutlich sehen kann ist, dass in einem Schlafzimmer, in dem zwei Personen bei geschlossenem Fenster schlafen, die Miefampel nach einer Nacht auf Rot steht. Lüftet man am nächsten morgen für 5 Minuten, steht sie danach wieder auf grün.

Wer eine hohe Radon-Quellstärke vermutet, kann auch die VOC-Quellstärke dadurch erhöhen, dass er ein Glas mit einem 40% Alkohol auf die Fensterbank stellt. Dieses kleine Glas verdunstet auch ohne besondere Wärmezufuhr genug Alkohol, so dass selbst ohne Anwesenheit von Personen die Ampel am nächsten morgen auf rot steht. Kommt man von außen in den Raum, fällt es sehr schwer, den Alkohol zu riechen, außer er ist besonders aromatisiert. Daran kann man erkennen, dass heutige VOC-Sensoren extrem empfindlich sind und kleinste Mengen Alkohol zuverlässig detektieren können. So ähnlich funktionieren im übrigen auch die elektronischen Alkoholprüfgeräte für Autofahrer.

In folgender Messung kann man das Ergebnis eines entsprechenden Versuchs erkennen. Das Schnapsglas wurde zu Beginn der Messung um 22:19Uhr in einem ca. 12qm großen Raum auf der Fensterbank über der Heizung aufgestellt und Fenster sowie die Zimmertür geschlossen. Um 23Uhr wurde nochmal kurz nachgesehen, kurz darauf schaltete die Heizung auf Nachtbetrieb. Morgens um 6:30Uhr wurde das Fenster gekippt und die Zimmertür geöffnet. All das bildet sich in dem VOC-Konzentrationsverlauf auf plausible Weise ab.


Messung der Lüftgüte mit einer Miefampel und einem Schnapsglas zur Überwachung des Radon-relevanten Lüftungsverhaltens

Hervorragende VOC-Sensoren stellt zum Beispiel die Firma Applied Sensor aus Reutlingen bei Stuttgart her. Eingebaut sind sie u. A. in einem USB-Stick mit einem kleinen Mikroprozessor, der die LEDs ansteuert und auch Daten über USB auf einen Computer übertragen kann. Im Normalfall aber betreibt man den Stick an einem USB-Netzteil. Vertrieben wird er zum Beispiel von der Firma "Sentinel Haus" unter dem namen Raumluft Wächter, und man kann ihn im Online Shop kaufen. Ähnliche, auf VOC-Sensoren basierende Produkte gibt es auch von anderen Firmen (die Firma Conrad Electronic hat das Produkt leider nicht mehr im Programm). Bei reinen CO2 Mesgeräten funktioniert der Schnapsglas-Trick allerdings nicht.

Externer Link zu shop.sentinel-haus.eu: Raumluft Wächter der Firma Sentinel Haus