Die Radioaktivität der Stuttgarter Königstrasse und des Stuttgarter Marktplatzes

Die Stuttgarter Königstraße


Eine Messung vom 8.3.2013 mit dem ersten GeoRexx-System. Messpunkte: #Index:Zählrate [ipm], Zählrohr: Beta-2-1 Pancake-Detektor von Consensus-group, GPS: SIRF-3 Modul EB-365 von Globalsat, Kartendarstellung: Garmin MapSource, Karte: Nop's Wanderkerte (Openstreet Map)

Messung vom 11.6.2015 mit dem Kontazähler und neuer Software für eine Kartendarstellung auf Google Maps. Detektor: 4 Zählrohre SBM-20 mit 700cpm/(usV/h) (SBM-20 Driver von 4N-Galaxy) GPS: Garmin Oregon 450t


Hochgenaue Messung mit dem Szintillations-Zähler am 24.1.16, Kartendarstellung auf Google Maps, Detektor 20x40mm NaI-Kristall mit R5070-PMT von Hamamatsu, GPS: Gramin Oregon 450t

Auf der Suche nach Granitgestein mit erhöhtem Radionuklidgehalt war ich zunächst im Schwarzwald unterwegs. Dort tritt das granitige Grundgebirge in einigen Gegenden direkt an die Oberfläche. In freier Natur kann man dort Gesteinsflächen aus Granit finden, deren Radionuklidgehalt eine Ortsdosisleistung erzeugt, die etwa doppelt so hoch ist, wie sonst in der Bundesrepublik. Dann aber gab mir jemand den Tipp doch mal den neuen Belag der Königstrasse zu messen. Ich habe nicht schlecht gestaunt über die Messergebnisse auf der Königstrasse. Nach einigen Diskussionen mit Freunden "vom Fach" hatte ich mich doch entschlossen, die Ergebnisse dem Umweltamt der Stadt zu melden. Ein Bekannter hatte mir aber auch empfohlen die Presse zu informieren, da man sonst die Sachen "nicht ernst nehmen würde". Ob das ein Fehler war, kann ich nicht sagen, aber die Resonanz in der Presse war völlig unerwartet und kurz darauf stellte ich auch bei den entsprechenden Ämtern der Stadt eine "deutlich erhöhte Aktivität" fest. Man kann daran erkennen, wie die Bevölkerung in der Zwischenzeit doch extrem sensibilisert ist, was das Thema Radioaktivität anbelangt.

Brief an das Umweltamt der Stadt und an die Presse:
Die Stuttgarter Königstrasse - Eine Rennstrecke für Geigerzähler?

Externer Link zu www.stuttgarter-zeitung.de: Der Artikel in der Stuttgarter Zeitung
Status am 14.10.12: Die Stadt hat erstaunlich schnell reagiert und hat das Landesamt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) mit Messungen beauftragt.
Externer Link zu www.tagblatt.de: Der Artikel im Reutlinger Tagblatt

Kurz darauf erschienen entsprechende Artikel in vielen Zeitungen der näheren Umgebung unter anderem in Schwäbisch Gmünd, Tübingen und Bietigheim.

Wo aber liegt die Brisanz des Themas? Die Frage wird in einem sehr guten Artikel, welcher in einer Zeitschrift für Baufachinformationen erschienen ist, sehr detailliert diskutiert. Der Artikel hat den Titel "Radioaktivität in Baustoffen - Neue Anforderungen an Planer" und ist 2004 erschienen und wurde von Rainer Gellermann und Hartmut Schulz verfasst. Er ist gegen eine geringe Gebühr vom Fraunhofer IRB (Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau) erhältlich (Externer Link zu www.baufachinformation.de: IRB Bibliothek Shop).

Hier der Abstrakt: "Physikalische radioaktive Stoffe sind allgegenwärtig und daher in allen Baustoffen in unterschiedlichen Maße enthalten. Diese natürliche Radioaktivität spielte bisher bei der Planung kaum eine Rolle. Neue gesetzliche Regelungen sowie ergänzende Richtlinien und Empfehlungen verschiedener Institutionen verlangen allerdings zunehmend einen bewussten Umgang mit dem Thema Radioaktivität speziell bei der Planung von Gebäuden, aber auch im Verkehrswege- und Wassserbau sowie im Anlagenbau. Der Beitrag soll einige Aspekte dieses Themas darstellen und ihre Bedeutung für die Praxis erläutern. "

Die EU Richtlinie 112 zum Schutz vor Radioaktivität in Baumaterialien (externer Link zu ec.europa.eu) wurde 1999 verabschiedet, die neue Strahlenschutzverordnung trat im Jahre 2001 in Kraft und die Entscheidung für den Belag in der Königstrasse wurde 2005 getroffen.

Speziell zum Thema Granit als Baumaterial eine Erklärung von mir auf die Schnelle:
Radioaktivität von Granitgestein

Es ist natürlich klar, dass Natursteinhändler versuchen, die Radioaktivität von Granitgestein herunterzupielen. Richtiger wäre es zu sagen, dass es strahlungsarme Granite gibt und solche, die man besser nicht als Baustoff verwenden sollte. Ein ganz besonders illustres Beispiel eines Granits, der offensichtlich in einem noblen Stuttgarter Gebäude als Baustoff verwendet wurde und ungewöhnlich radioaktiv ist, steht in Form eines Trümmerteils auf dem Stuttgarter Trümmerberg, dem Monte Scherbelino. Er hat als Granit eine wirklich außergewöhnlich hohe Radioaktivität. Ein ganz einfacher Geigerzähler reicht daher um sch davon zu überzeugen. Von daher ist er auch als "Mahnmal" gut geeignet.
Ein Bericht dazu: Radioaktive Trümmer-Teile auf dem Monte Scherbelino in Stuttgart

Weitere Ergebnisse einer Recherche im Internet
Die geologische Einheit zu welcher die Oberpfalz gehört (Böhmisches Massiv) gilt als uranreich. Auf Tschechischer Seite hat man bis in die 90er Jahre große Mengen Uran gefordert. In der Oberpfalz hat man um 1957 nach Uran gesucht und auch in Flossenbürg nach Uran gebohrt. Kleinere Mengen hat man 30km nördlich in der Grube Höhenstein bei Mähring gefördert. Dazu gibt es zwei interessante Artikel:
Externer Link zu www.zeit.de: Auf der Jagd nach Uran
Bemerkenswert in diesem Artikel der Zeitschrift die Zeit ist die Passage:>>"In Bayern wurde nicht nur im „Grundgebirge", dem Granit des Oberpfälzer Waldes, der stets als uranhöffig galt, Uranerz in geringer Konzentration entdeckt (und eine erste 200 m Bohrung bei Flossenbürg niedergebracht), ...">>
Externer Link zu www.oberpfalznetz.de: Als in der Oberpfalz Urangeschürft wurde
Mähring liegt etwa 30km nördlich von der Stelle wo der Granit auf der Königstrasse herkommt.
In den Granit-Steinbrüchen von Flossenbürg finden die Mineraliensammler auch immer wieder schöne Kristalle von Uranmineralien, hier eine Liste mit Referenzen.
An der Universität Heidelberg wurde eine Dissertation vorgelegt in deren Anhang Messdaten eines Granitblocks aus Flossenbürg genannt sind (genannt "Flossi", steht am Max-Planck Insitut für Kernphysik in Heidelberg). Wenn diese Daten stimmen, dann hat der Granitblock einen für Granite sehr hohen Urangehalt (19.5ppm) und eine hohe Alpha-Strahlungsdosisleistung von 51mGy/a.
Die Daten finden sich im Anhang dieser Dissertation (externer Link zu www.aber.ac.uk).
Aber auch das Bundesministerium für Strahlenschutz hat Daten zu dem speziellen Granit auf der Königstrasse publiziert. Interessanterweise in einem Altlastenbericht (externer Link zu www.bmu.de: Tabelle 3-31). Demnach hat der Granit eine spezifische Uran-Aktivität von 460Bq/kg. Das passt gut zu dem Ergebnis aus der Heidelberger Dissertation.
Auch im internationalen Vergleich steht der Granit von der Königstrasse gar nicht schlecht da, was den Urangehalt anbelangt. Das kann man beispielsweise dieser Publikation (Table 3) entnehmen, wenn man die oben gefundenen Werte annimmt. Diese Veröffentlichung beschreibt auch vorbildhaft, wie man Granite bewerten müsste, die als Baumaterial Verwendung finden sollen.
Es gibt auch Richtlinien für Baumaterial was Radioaktivität von Baumaterial anbelangt, zum Beispiel die Richtlinie 112 von der EU (externer Link zu ec.europa.eu) oder die Empfehlungen des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung UNSCEAR. Sie finden sich im Externer Link zu: UNSCEAR 2000 Report: "Sources and effects of ionizing radiation
Setzt man die oben gefunden Werte in die verschiedenen Berchnungsvorschriften für die Risikofaktoren (Hazard Index) ein, dann kommt man schnell zu dem Gefühl, dass der Granit auf der Königstrasse die Richtlinien nicht erfüllen dürfte.
Ganz grundsätzlich aber gilt der international und vom BfS anerkannte ALARA Grundsatz des Strahlenschutzes , was die Strahlenexposition (Dosis) anbelangt: "as low as reasonably achievable" (siehe externer Link zu wikipedia.de und externer Link zu: www.bfs.de, Stichwort "Alara"). Das wirft die Frage auf ob es nicht für die Königsstrasse strahlungsärmere Granite gegeben hätte. Die Messtechnik zur Messung von Strahlung und noch viel mehr die gesundheitliche Bewertung sind aber ein schwieriges Unterfangen. Man muss sich am Ende doch auf die Beurteilung von Profis verlassen.

In dem Papier "Methoden zur Bewertung von Graniten als Baumaterial im Hinblick auf die Radioaktivität" habe ich versucht gängige internationale Bewertungsmethoden für Granite einigermaßen verständlich und zusammengefasst zu beschreiben.
Die Königstrasse ist nun ein amtlich geeichter Prüfstrahler
Das Landesamt für Umwelt Baden-Würtemberg hat die Königstrasse in der KW43 2012 vermessen und die Externer Link zu http://www.stuttgarter-nachrichten.de: Ergebnisse auf einem Satellitenbild der Königstrasse vermerkt. Der höchste gemessene Wert beträgt 0.34uSv/h. Wichtig ist besonders auch der Datenpunkt "0.11 kein Granit". Damit ist tatsächlich der Faktor 3 bestätigt, um welchen der Granit mehr strahlt als der Asphalt. D.h. ein Geigerzähler tickt auf dem Granit der Königstrasse wirklich 3 mal schneller als auf dem Asphalt der Nachbarstrassen.

Interessant ist auch, wie genau die LUBW Ergebnisse zu den Messergebnissen der Uni Heidelberg an Flossenbürger Granit passen. Dort hatte man den Radionuklidgehalt bestimmt und für das U-238 den Gehalt von 19.5ppm, für das Thorium den Gehalt von 14.27ppm und für das Kalium den Gehalt von 2.6% festgestellt. Setzt man nun die in der Literatur angegebenen Umrechnungsfaktoren des Radionuklidgehalts in die Strahlungsdosis ein (U-238 5.8nGy/h pro ppm Th-232 2.6nGy/h pro ppm und K-40 12.9nGy/h pro %) dann kommt man auf 200nGy/h und mit dem Gewichtungsfaktor von 1.15Sv/Gy auf 0.23uSv/h. Zählt man das zur normalen Grundstrahlung von 0.11uSv/h hinzu, kommt man auf 0.33uSv/h. Viel genauer könnte es nicht zusammenpassen. Die 19.5ppm Uran und 14.27ppm Thorium würden aber bei einer Granitfläche von 30000qm der Königstrasse, bei einer Dicke der Granitquader von 10cm und einer Dichte von 2700kg/m^3 bedeuten, dass mit den 8100 Tonnen Granit auch eine stattliche Menge von 158kg Uran und 119kg Thorium nun zwischen Rotenbühlplatz und Bahnhof verlegt wären.

An dieser Stelle muss man die Behörden, vor allem das Umwelt und Tiefbauamt aber trotzdem loben. Man hat das Thema sehr ernst genommen, und innerhalb einer Woche gemessen und bewertet. In Russland beispielsweise hätte das sicher anders ausgesehen.

Das Landesamt bewertet die Strahlung als unbedenklich, da man höchstens 2000h (als Arbeitnehmer mit 250 8-Stunden Tagen im Jahr) auf dem Granit zubringen muss. Ausserdem beträgt der gesetzliche Grenzwert für ein Arbeitsplatz 6mSv/a und nicht wie für die allgemeine Bevölkerung 1mSv/a. Damit liegt man dann deutlich unter dem Grenzwert. "Bewohnbar" aber wäre die Königstrasse damit nun offiziell nicht mehr (365 24-Stunden Tage). Oder anders gesagt, in den Wohnbereich sollte man sich diesen Granit besser nicht legen. Ein erhöhtes Risiko durch Radon bestehe nicht, da die Kleinbauten ein eigenes Fundament hätten und gut durchlüftet seien, sagt das Amt. Wenn man die Hinweise für radonsicheres Bauen in Gegenden mit bodennahem, granithaltigem Grundgestein liest, zum Beispiel vom "Externer Link zu www2.htw-dresden.de: Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung zum Radonsicheren Bauen und Sanieren e.V" oder auch in den Externer Link zu www.um.baden-wuerttemberg.de: Broschüren der Landesämter und des BfS selbst, dann kommen da noch gewisse Zweifel auf. Aber das Thema ist auch wissenschaftlich gesehen äußerst komplex, von daher muss man nun einfach die Bewertung des LUBW jetzt erstmal akzeptieren.
Die Messwerte der Radioaktivität (Gamma-Ortsdosisleistung) auf der Königstrasse in Stuttgart, gemessen mit einem geeichten Handinstrument durch das LUBW in der KW43 2012
Die Messwerte des LUBW als pdf
Die Messwerte des LUBW im MS Excel Format

Die Mitteilung der Stadt findet man hier (externer Link zu http://newsroom.stuttgart.de).
Der Artikel in den Stuttgarter Nachrichten vom 26.10.2012 kommentiert das Ergebnis: externer Link zu www.stuttgarter-nachrichten.de: "Die Konigstraße strahlt - aber nur wenig"

Messungen in Flossenbürg
Auf diese Seite sind Messwerte in der Stadt Flossenbürg dargestellt.

So, und wer es nun noch immer nicht glaubt, der sollte mal ins Bergaubau-Museum im Schloß Theuern bei Amberg gehen. Dort gibt es eine wunderschöne Mineraliensammlung in der bei den Uranmineralien drei wunderschöne Stücke Flossenbürger Granit stehen. Einer hat Autunit Einlagerungen und der andere eine große Einlagerung von Torbernit. Nun muss man nur noch Googeln was Autunit und Torbernit genau ist.




Der Stuttgarter Marktplatz

Wer denkt mit der Königsstraße sei alles gesagt, der irrt: Auch der Marktplatz hat einen strahlenden Belag. Dieser besteht aller Wahrscheinlichkeit nach aus Kupferschlacke, die ebenfalls erhebliche Mengen an Uran enthält. Das ist etwas mehr als was der Flossenbürger Granit auf der Königstraße enthält, wie die Messungen zeigen. Da ja alles völlig harmlos ist, kann die Stadt Stuttgart nun den Stadtrundgang "Stuttgart Radioaktiv" anbieten. Mehr dazuin folgendem Dokument:

Nicht nur die Königstraße strahlt - Der Radioaktive Fingerabdruck der Landeshauptstadt Stuttgart



Über solche strahlenden Steine hat der Spiegel bereits 1991 berichtet (externer Link zu magazin.spiegel.de).
Nun bekommt auch Stuttgarts neuer grüner OB Fritz Kuhn seine Strahlendosis beim Betreten des Rathauses ab oder gibts es da etwa einen unbedenklichen Diensteingang von hinten?


Auch die Stadt Esslingen hat ihren radioaktiven Hotspot in Form von Schlackenpflaster:
Strahlende Pflastersteine vor dem Gebäude der Esslinger Zeitung -Der radioaktive Fingerabdruck der Stadt Esslingen-
Ein ausführlicher Bericht vom Stadtspaziergang mit Geigerzähler und GPS durch Esslingen mit vielen Bildern zur Visualisierung.